Nachhaltiges Erzählen — der Moment der Empathie (5)

Der Moment der Empathie (Illustration)

35 Jahre nach dem genredefinierenden SF-Film Noir „Blade Runner“ fand eine Fortsetzung den Weg in die Kinos. Zur Verblüffung fast aller Filmkenner konnte „Blade Runner 2049“ neben dem Original als Fortsetzung durchaus bestehen und das narrative Spektrum auch erweitern.

Dieser Ausschnitt ist ein Beispiel für eine Empathieszene, die erst im Rückblick oder beim zweiten Betrachten des Films ihre Tiefe entfaltet.

Drehbuchszene
She lights the candles one by one… then brings in a POV HAND to reach out to the cake… fingers thick with stolen FROSTING… which is brought towards us in POV to taste… a tiny, complete, evocative birthday memory vignette. She steps back to consider it. Pleased with her work.

K
Nice.

ANA
It’s better than nice. It feel authentic. If you have authentic memories, you’ll have real human responses wouldn’t you agree?

Ana and the kids blow out the candles together and the room goes completely dark.

K
Are all the memories constructed or do you ever use ones that are real?

ANA
It’s illegal to use real memories. But there’s bit of every artist in their work.

K
How can you tell the difference? Can you tell if a memory really happened?

Lights turn on as Ana walks towards K. At this Ana faces him. Her favorite subject merits her full attention.

ANA
They all think it’s about more detail — that’s not how the memory works. We recall with our feelings… Anything real should be a mess. I can show you.

She offers K a CHAIR built perfectly into the wall by the glass. Fitted with a chin ledge so a LIGHT can SCAN deep into the eyes, like an optometrist’s slit lamp. A Stelline Scan. After its designer.

ANA
Sit.

K takes a seat. Ana sits into A MATCHING DEVICE kitty corner on her side of the divide. She looks into the scanner. K puts his face into the rest. A light SHINES bright into his eyes.

ANA
Now think about the memory you want me to see. Not even that hard. Just picture it. Let it play.

She works her console. Peers into a MATCHING LIGHT. Seeing INSIDE… through the optic nerve, into the visual cortex…
Ana stops the imaging. Affected by what she is seeing. She looks up to K. Seeing him differently because of it. A new sympathy. For a moment, she seems unsure how to answer. K looks to her, expectant. Everything riding on her answer.

ANA
Someone lived this. This happened.
K
(and then)
I know it’s real.

Ana Stelline untersucht eine Erinnerung des Replikanten K auf ihre Authentizität. Ihre Reaktion (Tränen) und ihre Deutung, diese Erinnerung sei „wirklich erlebt“ und nicht künstlich erschaffen, deutet er als wichtigen Meilenstein in seiner Queste — dem Glauben, er sei das Kind von Blade Runner Rick Deckard und seiner Partnerin Rachel.

Spoileralarm

Die Tränen, die Ana vergießt, haben einen anderen Grund als das, was Zuschauer und ihr Gegenüber vermuten — nämlich nicht Rührung über die Authentizität seiner Erinnerung — sondern darüber, dass sie sie als ihre eigene erkennt. Das erfahren wir erst zum Schluss des Films. Ihre Empathie, die sich erst im Rückblick erschließen KANN, ist zugleich die eines Mit-Gefühls: Ana will K nicht der Wahrheit berauben, die ihn in seiner eigenen Wahrnehmung authentisch/einzigartig macht: im Besitz einer echten Erinnerung zu sein.

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K sieht Ana als Orakel, nicht als Charakter; deswegen ist keine Empathie aus seiner Seite zu spüren und auch nicht zu erwarten. Ana, deren Komplettisolation vor ihrer Umwelt natürlich auch symbolisch zu verstehen ist, ist die Verkörperung der prophetischen Kernthese sowohl des Originalfilms wie seiner Fortsetzung: dass der Mensch, der sich sein Ebenbild schafft, bald nicht mehr unterscheiden können wird, wo Bewusstsein und Einzigartigkeit beginnt — und ob sie auf „natürlich biologisch“ entstandenes menschliches Leben begrenzt ist.

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2018-11-05T14:59:14+00:00