Für David Holys Label „Holysoft“ habe ich letztes Jahr drei Hörspielskripte auf der Grundlage von Literaturklassikern verfasst. Eines der drei produzierten Hörspiele, „Das kalte Herz“ (nach Wilhelm Hauff) hat der Eigner kostenlos auf Youtube zum Anhören online gestellt. Sprecher wie Christian Rode, Gerrit Schmit-Foß, Martin Keßler und Regina Lemnitz geben der Geschichte schauspielerische Qualität, und Philip Köhls Schnitt und Bearbeitung passen gut. Die gesamte Reihe soll schrittweise auf den Markt kommen, darunter auch meine weiteren Hörspiele

Was hat mich daran gereizt, drei teilweise schon oft erzählte Geschichten zu bearbeiten? Die zwei Märchen haben unterschiedliche Schwerpunkte: Das kalte Herz ist eine klassische Moralgeschichte mit stimmigen Wendungen, die die Essenz „überlege genau, was Du Dir wünschst“ unterstreichen — ein Holzköhlerjunge mit Aufstiegswillen gerät zwischen zwei mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Sagengestalten, die ihm seine Wünsche erfüllen. Erst auf Umwegen lernt er den Preis für den schnellen Aufstieg; und als er ihn erkannt hat, ist er schließlich bereit, noch einmal neu anzufangen. Dennoch habe ich mir einige Freiheiten genommen; ergänzt, umstrukturiert und neu verfasst — insbesondere, um die Essenz der Botschaft für heutige Hörer zu verstärken. Ein Beispiel: der Trick, mit dem Peter vom Holländer-Michel sein Herz zurückbekommt, war mir im Original mit dem „John-Sinclair-Effekt“ zu wenig stimmig —

Im Buch spielt die christliche Mythologie nur am Rand eine Rolle (Sonntagskind Peter und die angedrohte Hölle, mehr nicht), deswegen erschien mir das dem Holländer-Michel/Teufel vorgehaltene Kreuz mit gerufenem „vade retro“ zu flach, und die mit einem lebendigen Herz verbundene Empathie das bessere „Abschreckungsmittel“ für den schwarzen Flößer.

— und durch die Einführung des Ebenholzstabes hatte ich eine „moralische Macht“, die Peter hätte zum Guten oder Bösen nutzen können. Ich glaube fest daran, dass anders als in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die Sehnsucht beim Hörer und Zuschauer nach klaren Werten wieder gestiegen ist. Der Weg dorthin darf aber im Sinne von „mehr grau statt schwarz-und-weiß“ differenzierter sein. Meine Beobachtung bei Geschichten, die ohne diese Elemente auskommen wollen, ist eine nur kurzzeitige Resonanz und eine verringerte Wirkung beim Publikum.

Hörspielcover: Von einem, der auszog ...Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen hatte mir immer gefallen, weil es so unkonventionell mit dem Thema Furcht umging. Hier reizte es mich, dem gewünschten Gruseln das Thema Angst zur Seite zu stellen.

Angst im Allgemeinen findet im kommerziellen Hörspiel ja hauptsächlich im Thriller, Horror- und Gruselgenre statt, als Thrilleffekt für den sich am (folgenlosen) Adrenalinrausch erfreuenden Hörer. Es passiert ja nichts, aber „Schauder und Entsetzen machen Spaß“. Wirklich?

Ich fand es spannender, den unerschrockenen Falk einerseits mit einem Vatertrauma zu versehen und andererseits durch genau seine Furchtlosigkeit — geh auf das zu, was du nicht kennst — seine Abenteuer glücklich bestehen zu lassen. Zu diesem Zweck umklammerte ich die Geschichte außen mit der Erzählerebene (ein Vater erzählt seinem Jungen das Märchen, und der Junge verknüpft es im „Braut des Prinzen“-Stil mit der Gegenwart). Innerhalb der Geschichte schrieb ich die weibliche Hauptfigur mit mehr „Spunk“, ließ die Kegelpartie mit Knochen und Schädeln von Falks Vater anleiten und gab auch dem Küster als nächtliche Spukfigur noch einen zweiten Auftritt. Ich bin gespannt, wie die Veränderungen zum Original ankommen … und wer sie überhaupt bemerkt — schon beim Kalten Herz waren die Änderungen unkommentiert geblieben (auch ein Kompliment).

Mark Twains Prinz und Bettlerjunge ist hierzulande kaum noch bekannt. Hörspielcover: Der Prinz und der BettelknabeDas ist schade, denn der Roman braucht sich vor den „größeren“ Twains wie „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“ nicht zu verstecken, da der Autor neben der spannend gewebten doppelten „Fish out of water“-Geschichte auch die Realität des Lebens nicht außen vor ließ: weder in der Welt des „Offal Court“ von Tom Canty als auch im einsamen und kalten Königshof des sterbenden Heinrich VIII. Andere Menschen nach ihrem Äußeren einzuschätzen, ist ja eine ewige Schwäche des Menschen — und sowohl der eine wie der andere Held lernen durch eine (zu) lange Zeit in den Mokassins des idealisierten Gegenübers, was es wirklich heißt, Prinz resp. Bettlerjunge zu sein. In meiner Adaption war ich hauptsächlich beim Straffen gefordert, das andererseits wichtige Handlungselemente nicht untergehen lassen durfte. Dabei habe ich mich (um der Figur des Miles Hendon willen) mehr auf die Geschichte des jungen Edward, der als Kronprinz in die Realität des armen England außerhalb des Hofes geworfen wird, konzentriert. Hendon handelt als Edwards unfreiwilliger Mentor uneigennützig empathisch; eine Qualität, die zu Recht am Ende reich belohnt wird.

Eine Schlüsselszene der Geschichte ist für mich die Züchtigung, die der junge Edward für sein Insistieren, er sei König, auf einem Dorfgerichtshof erhalten soll. Was nun passiert, zeigt mMn gut, was ein Hörspiel mit tieferem Inhalt/Thema/Moral von einem unterscheidet, das ohne auskommen will:

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