Nachhaltiges Erzählen — der Moment der Empathie (3)

Der Moment der Empathie (Illustration)

Die Koproduktion „Super 8“ von JJ Abrams mit Steven Spielberg erzählt die Geschichte des 11jährigen Modellbauers Joe (Joel Courtney), der seine Mutter bei einem Arbeitsunfall verloren hat, und ein Abenteuer, das Joe mit Freunden und seinem ersten Schwarm Alice (Elle Fanning) erlebt, als ein außerirdisches Wesen seine Heimatstadt heimsucht. Genau in der Mitte des Films besucht Alice während eines Stromausfalls nachts Joe in seinem Zimmer. Während die beiden sich schüchtern unterhalten, ist plötzlich wieder Strom im Netz, und der Super-8-Projektor, auf dem Joe Szenen seiner verstorbenen Mutter angesehen hatte, springt an.

Die Szene, die dann zwischen ihnen folgt, ist der emotional wohl tiefste Moment des Films — wie auch diverse Zitate belegen.

Machen Sie sich Notizen über jeden Moment, an dem hier „beat“ steht: Was geschieht gerade dann im Charakter, ohne dass er oder sie es aussprechen wird?

Drehbuchszene
INT. JOE’S ROOM – NIGHT

Joe sleeps, power still out. Then, a KNOCK. He wakes up. Another KNOCK. His window.
He moves to it. Opens it. It’s Alice. Joe is half asleep, but also stunned.
Very quietly:

ALICE
— are you– were you sleeping?

JOE
Before, earlier, b– no, you okay?

ALICE
Yeah.

JOE
(beat)
Oh, you wanna come in?

And Alice climbs in. Joe sits on the floor. Alice does too.
It’s odd and silent for a moment.

ALICE
Power’s still out.

JOE
Room’s still messy.

ALICE
I was in bed, couldn’t sleep.
(beat)
Thinking. I wanted to tell you something, before tomorrow —
Don’t let Charles blow up your train.

Joe stares, amazed at her.

ALICE (CONT’D)
I don’t think it’s right, do you? I know he’s your friend, but he’s so bossy.

JOE
He can be sorta li– I’ve known him since Kindergarten, though–

ALICE
He shouldn’t always get what he wants. I mean, who always gets what they want? —
I know I don’t know you at all. Even though… it sort of feels like I do.
(beat)
Do you not… feel like that?

JOE
— no, I totally do, I’m just… sort of in shock at this whole conversation —

And the POWER RETURNS — Joe’s CLOCK LIGHT goes on behind him — but more chilling,
the PROJECTOR comes back on; the SILENT HOME MOVIE OF HIS MOTHER PLAYS.
Joe crawls to the projector to stop it — but:

ALICE
— no, keep it– please —

Alice moves closer to the screen. Joe sits behind her.
She watches the film. Can’t take her eyes away.

ALICE (CONT’D)
… is that her?

JOE
… yeah…

And as Alice watches, we GENTLY PUSH IN… as tears start to fill her eyes.
Behind her, at a near WHISPER:

JOE (CONT’D)
… it’s so weird watching her like this, like she’s still here…
(beat, lost in it)
… she used to look at me, this way… like really look.
And I just… knew I was there. That I existed.

A tear drops down Alice’s face, though Joe can’t see that.
Finally, quietly:

ALICE
He drank that morning. My dad.
(beat)
He missed his shift.
(beat, hard)
Your mom took it for him. The day of the accident.

Watching his mother, Joe is quietly stunned. Finally, eyes wet, Alice turns to Joe.

ALICE (CONT’D)
… I know he wishes it was him. Instead of her.
(hard beat)
… and sometimes I wish it was, too.

Joe just stares at her… heartsick and speechless. Finally:

JOE
Don’t say that.
(beat)
He’s your dad.

Just then, the SUPER 8 movie ENDS: the film FLIPFLIPFLIPS.

Der Subtext erschließt sich logischerweise vorrangig denen, die den Film gesehen haben und die emotionale Reise er beiden verfolgen konnten. Ein Schlüsselmoment hier ist sicher das Oszillieren Joes zwischen Erinnerung an seine Mutter und Hingezogensein zu seiner Besucherin (es gibt wohl keinen Jungen mit Erinnerung an seine Frühadoleszenz, der nicht einen ähnlichen Moment zwischen Staunen, Scheu und Erotik erlebt hat) und die emotional noch unentwickelten Fähigkeiten, sich das jeweilig Richtige an dieser Stelle zu sagen.

Diese Szene kommt genau zum richtigen Zeitpunkt im Film — als der Zuschauer sich fragt, ob die Geschichte jetzt in Genrekonventionen oder in Langeweile kippt. Aber warum entfaltet sie eine besondere Wirkung?

Sehen Sie sich einen Ausschnitt der Szene einmal im Film an:

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Nehmen wir wieder die „Reveal/Conceal“-Theorie zur Hand, um den Moment der Empathie zu identifizieren: Inwieweit steht das, was die beiden in der Szene sagen, im Widerspruch zu ihrer Psyche des Moments, zu ihrem Subdialog? Wo enthüllen und verbergen sich die Charaktere gleichzeitig?

Machen Sie sich Ihre Notizen, bevor Sie den Spoiler öffnen ...

  • Alice kommt zu Joe, um ihm zu sagen, er solle dessen Freund Charles nicht erlauben, Joes sorgfältig gebaute Modelleisenbahn für den Super-8-Zombiefilm, bei dem sie mitwirken, als effect shot in die Luft zu sprengen. Der vordergründige Grund ihres nächtlichen Besuchs ist eine Art Empathie, nämlich ihre Wahrnehmung, wieviel Sorgfalt und Liebe Joe in eine Arbeit gesteckt hat, für die letztendlich der Regisseur die Anerkennung einstreichen würde. Dass dies selbst unter Kindern oder Jugendlichen noch keinen nächtlichen Besuch rechtfertigen würde, „bemerken“ beide nicht. Als der Super-8-Projektor anspringt und die Bilder von Joes Mutter zu sehen sind, kommt der tiefere Grund zum Vorschein: unter der Sympathie zwischen ihr und ihm liegt die unbewältigte generationelle Schuld, dass Alices Vater indirekt für den Tod der Mutter verantwortlich ist. Alice hört Joes Monolog (s.u.) und geht in eine Übersprungshandlung: statt die Leerstelle zwischen ihnen direkt anzusprechen, bricht sie in Tränen aus — und verteidigt in einer anrührend-authentischen Art und Weise ihren Vater, der ihr in der Laufzeit des Films (sprich: seit dem Tod von Joes Mutter) nur noch Probleme machte, dessen Schuldkomplex sie aber spüren konnte. Damit verbirgt sie zugleich das, was dem Zuschauer offensichtlich wird: sie hat das nie gehabt und tief ersehnt, was Joe verloren hatte: die liebende Mutter.
  • Joe ist zunächst wenig aktiv, ausschließlich re-agierend: er muss erst einmal verarbeiten, dass sein erster Jugendschwarm gerade bei ihm nachts im Zimmer sitzt und ihm bekennt, dass sie sich ihm verbunden fühlt. Er versucht, seine Nervosität mit spielerischer Coolness zu überbrücken („Room’s still messy“ / „I’m just … sort of in shock at this whole conversation“) und beendet das erst, als die Bilder seiner Mutter ihn in die Erinnerung zurückholen und er sich erlaubt, noch (oder wieder) Kind zu sein. Joes gleichförmiger Ton im Monolog über den Super-8-Bildern suggeriert einen traumatischen Schock, der erst oberflächlich überwunden scheint. Gerade das Fehlen von Tränen oder eines emotionalen Ausbruchs über das nicht-ausgesprochene Thema zwischen ihnen („Dein Papa ist schuld, dass meine Mama nicht mehr lebt!“) enthüllt einer empathisch wahrnehmenden Person wie Alice, wie tief der Verlust sitzt. Die Szene endet unaufgelöst.

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Identifizieren Sie Zeitpunkte bzw. Szenen in Ihrem Drehbuch, die Sie zu einer empathischen Begegnungsszene zwischen ihren Hauptfiguren ausarbeiten können.

Und wenn Sie hängenbleiben …

Nehmen Sie Kontakt auf!

How that girl conveys the emotion is as good as Hollywood gets. If filmmaking is art, this is a Mona Lisa. Incredible, truly incredible.

G.v.T.

This is one of my favorite scenes in any movie ever. It’s such a gorgeously filmed and acted scene with so much raw and real emotion. I love when Joe says how his mom used to really look at him and he just knew that he existed – made me cry like crazy.

P.S.

When I first saw this scene, I cried.

J.C.

Streaming tears without even noticing. I was unprepared for such an emotional pull.

Jamal
2018-10-23T12:03:04+00:00