Astrid Lindgren mit Taube

Vielen Dank für die Reaktionen auf die Blogbeiträge zum Thema „der Moment der Empathie“! Gerne setze ich die Auseinandersetzung zum Thema fort — hier mit einem Blick auf eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt: Astrid Lindgren und ihre Fähigkeit, in ihren Büchern Mitleiden/Mitempfinden zu zeigen und das in eindringliche Szenen zu gießen.

Erstes Beispiel: Kalle Blomquist.

Im dritten Roman rund um den jugendlichen Hobbydetektiv in der fiktiven Stadt Kleinköping haben Kalle und seine zwei Freunde Eva-Lotta und Anders die nächtliche Entführung eines Wissenschaftlers und dessen fünfjährigem Sohn Rasmus beobachtet, sich an die Fersen der Entführer gehängt und waren auf der Insel der Entführer in Gefangenschaft geraten. Während die Entführer versuchten, aus dem Vater Geheimnisse zu erpressen, hatten Kalle und seine Freunde es wiederholt geschafft, die Pläne der Entführer zu vereiteln, an Geheimmaterial zu kommen. Als die Polizei schon im Anmarsch auf die Insel ist, befiehlt Peters, der Chef der Entführer, Vater und Sohn zu trennen und den Jungen außer Landes zu bringen, um sich Schweigen und zukünftige Kooperation des Vaters zu sichern. Dabei ignoriert er die inzwischen gewachsene Bindung eines der Entführer, Nicke, an das Kind.

Die Tür fliegt auf, Peters steht da. Abgehetzt sieht er aus. Er stürzt herein und reißt Rasmus an sich.
»Komm«, sagt er brüsk, »komm, beeil dich!«
Aber jetzt wird Rasmus über alle Begriffe böse. Was wollen die eigentlich alle, was reißen die nur so herum heute früh? Zuerst den Kapitän von der »Hilda« und jetzt ihn.
»Stell dir vor, daß ich das aber nicht will!« schreit er wütend, »Hau ab, blöder Peters!«
Da beugt sich Peters zu ihm, und mit einem harten Griff hebt er ihn hoch. Er geht zur Tür. Die Aussicht, von Eva-Lotte, Kalle und Anders weg zu müssen, erschreckt Rasmus maßlos. Er strampelt und schreit: »Ich will nicht – ich will nicht – ich will nicht!«
Eva-Lotte schlägt die Hände vors Gesicht und weint. Es ist so fürchterlich. Auch Kalle und Anders können sich kaum beherrschen. Regungslos stehen sie da und sind verzweifelt, und sie hören, wie Peters die Tür abschließt, sie hören ihn gehen und hören das Schreien von Rasmus, das leiser wird, immer leiser und leiser …
Aber dann kommt Leben in Kalle. Noch hat er seinen Schlüssel. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Sie müssen wenigstens das traurige Ende der Geschichte mit ansehen, um nachher der Polizei davon berichten zu können. Dann, wenn es zu spät ist und Rasmus und der Professor verschwunden sind – irgendwohin, wo die schwedische Polizei sowieso nichts mehr ausrichten kann.
Sie liegen hinter dichtem Gebüsch an der Anlegestelle. Dort ist das Wasserflugzeug. Und dort kommen Blom und Svanberg mit dem Professor. Der Gefangene, dem die Arme auf dem Rücken gebunden sind, leistet keinen Widerstand. Er wirkt beinahe apathisch. Er läßt sich in das Boot stoßen, das ihn zum Flugzeug bringt, klettert ins Flugzeug, setzt sich und starrt ausdruckslos vor sich hin. Dort kommt Peters aus seinem Haus gelaufen. Er trägt immer noch Rasmus, und Rasmus strampelt und schreit noch genauso laut und herzzerreißend wie vorher.
»Ich will nicht – ich will nicht – ich will nicht!«
Schnell läuft Peters über den Steg auf das Boot zu, das sie zum Flugzeug bringen soll. Als der Professor seinen Sohn sieht, zeigt sein Gesicht so viel Verzweiflung, wie es die unsichtbaren Zuschauer nicht für möglich gehalten hätten.
»Ich will nicht – ich will nicht!« brüllt Rasmus.
In rasender Wut schlägt Peters ihm ins Gesicht, um ihn zum Schweigen zu bringen, aber wilder und lauter als zuvor brüllt jetzt Rasmus:
»Ich will nicht – ich will nicht!«
Da steht plötzlich Nicke auf dem Steg. Sie haben gar nicht gesehen, woher er kam. Er ist rot im Gesicht, und seine Hände sind zu Fäusten geballt. Aber er rührt sich nicht, steht nur still und sieht Rasmus mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Sorge und Mitleid in den Augen nach.
»Nicke!« schreit Rasmus. »Hilf mir, Nicke! Nicke, hörst du mich denn nicht?«
Die kleine schreiende Stimme bricht; er weint haltlos und reckt die Hände zu seinem Nicke, der so nett war und so schöne Borkenboote für ihn geschnitzt hat.
Und dann geschieht es. Wie ein großer, wilder, rasender Stier stürmt Nicke über den Steg. Kurz vor dem Boot hat er Peters eingeholt, und mit einem Stöhnen reißt er Rasmus an sich. Er gibt Peters einen Schwinger unter das Kinn, und Peters taumelt. Bevor er zu sich kommt, ist Nicke mit großen Sprüngen auf und davon. Peters schreit ihm nach, und Eva-Lotte schaudert zusammen, denn so einen Schrei hat sie noch nie gehört.
»Bleib stehen, Nicke! Sonst schieße ich dich über den Haufen!«

Die tiefere Bedeutung einer Szene wie dieser erschließt sich vermutlich eher dem erwachsenen Leser. Die Unbedingtheit der emotionalen Erfahrungen eines Kindes sowohl in Glücks- wie in Leiderfahrungen ist aus der Perspektive eines Erwachsenen schlüssiger zu beobachten. In diesem Fall beobachtet sie der Erwachsene Nicke, der sicherlich noch wenige Sekunden vor dieser Szene nicht geplant hatte, seinem Boss Peters die Gefolgschaft aufzukündigen.

Aber er kann nicht anders.

Warum?

In seinem Essay »Über das Fundament der Moral« hatte Arthur Schopenhauer 1841 das Mitleid als Rätsel und zugleich als wesentlichen Schritt zur Erlösung beschrieben.

»Wenn ich das Wohl eines anderen unmittelbar will und bei seinem Wehe mitleide, als wäre es meines, setzt dies voraus, dass ich auf irgendeine Weise mit ihm identificirt sei, d. h. das jener gänzliche Unter­schied zwischen mir und jedem andern (…) wenigstens in ei­nem gewissen Grade aufgehoben sei« (Schopenhauer 1977, Bd. IV, 248).

Warum im empathischen Empfinden das Wohl und Leid des einen unmittelbar zum Motiv des anderen werden kann ist für Schopenhauer das große Mysterium der Ethik. Joseph Campbell beschreibt diese Fragestellung als Schlüsselstein zu Metaphysik und Transzendenz und zur Erkenntnis, dass derjenige, der die empathische Brücke schlägt, bewusst oder unbewusst erkennt, dass Subjekt und Objekt in Wahrheit eins sind. Diese Einsicht ist zugleich Kern der christlichen Forderung »Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie du« — das Leiden des Einen nicht als getrennt vom eigenen Empfinden zu betrachten.

Die oftmals schlagartige Erkenntnis begegnet aber natürlich nicht nur religiös orientierten Menschen, wie eben auch Transzendenz nicht kausal etwas mit Religion zu tun hat. In den Geschichten, die wir uns erzählen, sind Situationen, die eine schlagartige Identifikation mit dem Fremden zum Inhalt haben, oftmals Schlüsselmomente, die der Handlung eine neue Perspektive und Richtung geben. Lindgren setzt schon in dieser relativ frühen Buchreihe (Kalle Blomquist ist 1949 nach Pippi Langstrumpf die erst zweite berühmte Figur, die sie erfunden hat) das Element der Empathie als Brückenschlag mehrfach ein und gibt damit ihren Erzählungen eine Tiefe, die in der Kinder- und Jugendliteratur nicht selbstverständlich war und ist. Weitere Beispiele aus ihrem Werk: »Pelle zieht aus«, »Die Brüder Löwenherz«, »Mio, mein Mio« und »Nils Karlsson Däumling«.

Suchen Sie nach Szenen in Filmen und Büchern, die einen solchen inneren Brückenschlag auslösen, und untersuchen Sie, ob und warum sie Eindruck hinterlassen. Genauso können Sie als Übung aktuelle Filme nach dem FEHLEN solcher Elemente untersuchen und dem Gedanken nachgehen, ob die Qualität durch solche (und welche?) Begegnungen hätten stärker und intensiver werden können.

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