Regeln gehören zum Spiel dazu

Das mag jetzt nicht erbaulich klingen, aber manchmal lernt man eben auch dadurch, dass man weiß, wie man es nicht macht. Unten habe ich ein paar typische Drehbuchfehler gesammelt, die besonders Anfängern passieren. Doch auch Profis sind vor diesen Fallen nicht sicher! Viel Spaß beim augenzwinkernden Lesen der Top 10 der schlimmsten Anfängerfehler. Übrigens: In der Arti­kel­se­rie unter der Kate­go­rie „Genres“ fin­den Sie in meinem Blog immer wieder Tipps zu Gen­re-Re­geln. Viel Spaß auch hier beim Lesen!

Die Top-10 Erkennungszeichen für ein schlechtes Skript

Über­lange Szen­en­ti­tel

Schreiben Sie es so ein­fach wie mög­lich:
„HOTELLOBBY — I/T oder HAUPTSTRASSE – A/N“

Nie­mals jedoch:
„NEBEN DEM MÜLLEIMER RECHTS HINTEN IM HINTERHOF, GLEICH NEBEN DEM KLEINEN DURCHGANG — A/N“

Ein sorg­fäl­ti­ger Blick auf die Stan­dard­for­ma­tie­rungs­re­geln scha­det auch nicht.

Zu detail­lierte Cha­rak­ter­be­schrei­bun­gen

Etwas Illus­tra­tion zum Cha­rak­ter ist gut:
„ROMAN (40) betritt den Raum, mit­tel­groß, Typ gut­mü­ti­ger Wrest­ler.“

Zuviel nicht:
„ROMAN betritt den Raum. Er ist 40, kräf­tig, 1.83 groß, kurze Stop­pel­fri­sur, brei­ter Nacken, mit Täto­wie­run­gen auf der rech­ten Schul­ter und einem leich­ten Hin­ken, das er sich als Acht­jäh­ri­ger zuge­zo­gen hatte.“

Nicht umsetzbare epi­sche Ele­mente

Nein, ich meine nicht eine Schlacht um Mit­tel­erde. Nicht alles, was sich wie im Roman auf­schrei­ben läßt, ist auch im Film ver­ständ­lich. Spiel­stra­tege John Vor­haus hat die­sen Feh­ler ein­mal kon­ge­nial und nur leicht über­trie­ben in einem Satz zusam­men­ge­faßt: “In sei­nem Gesicht sehen wir, daß er an Paris denkt.”

Kon­zen­trie­ren Sie sich auf das, was ein Schau­spie­ler tat­säch­lich dar­stel­len kann.

Kli­schee­dia­loge

Neh­men Sie NICHT den Satz, der Ihnen als ers­ter ein­fällt (weil er schon ein­mal irgendwo funk­tio­niert hat). Ver­su­chen Sie es ein­mal:

Unsere Hel­den rasen in einem Auto die Straße ent­lang, einer der bei­den am Steuer ver­sucht, den zahl­rei­chen Hin­der­nis­sen aus­zu­wei­chen. Der andere schaut nach hin­ten und sieht, dass die Schur­ken ihnen auf den Fer­sen sind. Er dreht sich zu sei­nem Kum­pel um und sagt:

„Wir bekommen Besuch!“

Jim Car­rey hat einen dum­men Spruch gebracht und wird dafür von der Hel­din ange­brüllt, er sei unsen­si­bel, arro­gant und dumm. Sie geht und schüt­tet ihm zum Abschied ihren Drink ins Gesicht. Und er dreht sich zu sei­nem Kum­pel um und sagt:

„Sie mag mich!“

Kamera und Musik­an­ga­ben

Wenn Sie es sich mit Ihrem Regis­seur ganz schnell ver­scher­zen wol­len, schrei­ben Sie ihm vor, wie er seine Schau­spie­ler füh­ren und wohin er seine Kamera stel­len bzw. wann er eine Nah­auf­nahme in den Film schnei­den soll.

Das i-Tüpfelchen ist ein Musik­ka­ta­log, der das halbe Bud­get kos­ten wird, aber aus­ser zur Befrie­di­gung des per­sön­li­chen Musik­ge­schmacks des Autors kei­nen Nut­zen für den Film hat (Beat­les– und Pearl Jam-Songs beson­ders bevorzugt).

Die überladene Exposition

Und des­we­gen set­zen Auto­ren sie gerne am Anfang in eine oder zwei Sze­nen, damit das schon mal aus dem Weg ist. Mer­ken Sie sich: der Zuschauer merkt sich nur die Infor­ma­tion, die Cha­rak­tere im Film im Kon­flikt gewon­nen haben. Kein Mensch, und bestimmt nicht ihr Cha­rak­ter sollte bei der ers­ten Gele­gen­heit gleich frei­wil­lig sein Herz aus­schüt­ten. Spie­len Sie damit und gewin­nen Sie Kon­flikt­stoff… statt so etwas zu schrei­ben:

FRANZ (bewegt):
„Ver­stehst du das nicht? Ich gehe Fran­ziska aus dem Weg, weil sie mir damals mit sie­ben am Brun­nen einen Korb gege­ben hat. Ja, ich liebe sie, aber das damals hat mich ver­schlos­sen gemacht.“

Tot? Ist mir grad wurscht!

Wenn Sie nicht gerade an einer schwar­zen Komö­die arbei­ten, soll­ten Sie sich vor­hal­ten: würde ein Mensch Ihres Bekann­ten­krei­ses so läs­sig rea­gie­ren, wenn vor ihm gerade jemand gestor­ben ist (womög­lich sogar ein Freund) — oder sich schon in der nächs­ten Szene wie­der ganz nor­mal geben, so als wäre nichts geschehen?

Unmotivierte Eskalation

Zwei Ihrer Figu­ren strei­ten sich auf zivile Art und Weise — plötz­lich zieht der eine eine Pis­tole und schießt auf den ande­ren. Oft wird man den Ver­dacht nicht los, dass die Waffe eine Ent­schul­di­gung für Kon­flikte gese­hen wird, die nicht sau­ber auf­ge­baut wur­den. Sieht wohl ein­fach nur “taran­ti­no­mä­ßig” aus…

Aber selbst ohne Waffe lese ich häu­fig Sze­nen, in denen ohne Vor­war­nung und ohne ent­spre­chende Vor­be­rei­tung plötz­lich die Situa­tion eska­liert. Nach einer cha­rak­ter­li­chen Erklä­rung davor oder danach suche ich jedoch vergeblich.

Keine zufälligen Überraschungen ab Akt 2

Wenn im III. Akt Ihrer Geschichte Ihre Haupt­fi­gur plötz­lich einen Safe knackt, soll­ten wir von sei­nem Hobby irgend­wann vor­her schon­mal gele­sen haben. Wenn sie irgendwo doch eine rei­che Freun­din hat, sollte vor­her klar sein, warum diese nicht schon vor­her auf­ge­taucht ist. Ach­ten Sie auf die Balance in dem, was pas­siert und ver­ste­cken Sie Ihre Expo­si­tion in die­sem Sinne sub­til. Screen­plays are struc­ture — das Gegen­teil muss man mir noch beweisen.

Show, don’t tell!

Immer noch genauso lei­den­schaft­lich anzu­mah­nen. Film ist ein visu­el­les Medium. In schlech­ten Dreh­bü­chern finde ich Hör­spiel­dia­loge, die ent­we­der Hand­lung erset­zen oder die Hand­lung wie­der­ho­len: sie stößt ihn weg, “Ich hasse Dich!” Mag stim­men, aber ist das fil­misch? Suchen Sie nach Wegen, Dia­log und Hand­lung in inter­es­sante, aber immer über­zeu­gende Wider­sprü­che zuein­an­der zu bringen.